Thursday, November 8, 2007

Rehaklinik Zauberberg - Schluss




Stuhl und Bett gehören zu den massgebenden Requisiten in jedem Kurhotel. So wurden die Liegestühle auf den Balkonen des Zauberbergs zum Gegenstand Thomas Manns epischer Betrachtungen: Hans Castorp erinnerte sich nicht, dass ihm je ein so angenehmer Liegestuhl vorgekommen sei. Die unangenehmen Empfindungen des Krankseins wurden aufgewogen durch die grosse Bequemlichkeit seiner Lage, die schwer zu zergliedernden und fast geheimnisvollen Eigenschaften dieses Liegestuhles. Es lag er an der Beschaffenheit der Polster, der richtigen Neigung der Rückenlehne, der passenden Höhe und Breite der Armstützen oder auch nur an der zweckmässigen Konsistenz der Nackenrolle, genug, es konnte für das Wohlsein ruhender Glieder überhaupt nicht humaner gesorgt sein als durch diesen vorzüglichen – das Adjektiv wird elfmal wiederholt – Liegestuhl. In dieser Hinsicht hat die auf Körperbewegung bedachte moderne Klinik nichts ebenbürtiges entgegenzustellen. Wenn ich an die Stühle denke, im Vortragssaal etwa, oder im Fernsehzimmer, dann wird es mir jetzt noch schwindlig. Sie bieten den Herzkranken, zu Schwäche neigenden Gästen keinen Halt. Die aufrechte Sitzposition muss in Ihnen stets neu erkämpft werden, was vor den unsäglich flimmernden TV-Geräten angehen mag, da man sowieso nicht lange hinschaut. Aber dem einstündigen Vortrage würde man gerne folgen und kann es nicht, da man, wenn der Rückentonus nachlässt, ständig befürchtet, über die nach vorn abfallende Seitenlehnen im nächsten Augenblick zu Boden zu rutschen. Einen gewissen Komfort bieten die Betten mit einer zweifach motorischen Rücken- und Beinhochlagerung, dies im Stockwerk für neueintretende Frischoperierte. Diese rücken bei normaler Genesung in der zweiten Woche in die höheren Stockwerke hinauf, wo die Betten immerhin noch einfach motorisch den Rücken stützen.

Indessen stützen sich die heutigen Wanderer mit abgemessenen Titan- oder Carbonstöcken ganz famos. Nordic Walking heisst die trendige Gangart. Sie verbindet die Bodenhaftung von Vierbeinern mit dem aufrechten Gang von Homo sapiens, insofern die Arme mitgehen, mitragen, mitschieben, und, indem sie die Beine entlasten, ebenso wie diese mittrainiert werden. Eine massvolle Bewegungsqual scheint der genussvollen Liegekur weit überlegen, was den Heileffekt anbetrifft. Die Kur darf heute nicht zu kurz sein, aber vor allem auch nicht zu lang. Die Versicherungen verlangen es; wer sich mit ihrer Hilfe im Sauseschritt in den Arbeitsprozess wieder eingliedern lässt, wird in einer Langlimousine in die Fabrik gefahren und schwebt dort wie ein Star unter Applaus zum seinem produktiven Arbeitsplatz –wenigstens die Versicherungswerbung sieht es so. Vielleicht ist das ja gut so, schliesslich leben wir heute auch tatsächlich viel länger und können das Leben auch mehr geniessen... bis zur nächsten Operation, die dann vielleicht den Leistenbrüchen oder der Prostatavergrösserung gewidmet ist. Und in 15 oder 20 Jahren ist auch die Klappe wieder fällig. –

«Spätestens dann sehen wir uns wieder», mit diesen Worten hat mich mein verehrter Herzoperateur verabschiedet. «Bis dann wird die Heilkunst wieder gewaltige Fortschritte gemacht haben», beschwichtigte er mich, es wird dann Zuchtklappen aus den eigenen Stammzellen geben. Und diese werden ohne grosse Narkose über die Beinarterie katheterimplantiert. Dem Zauberthal wird die bewegungslustige Klientel nicht so rasch ausgehen, im Gegensatz zum Zauberberg, der geschlossen werden musste, als man die Antibiotika erfand.
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Sunday, October 21, 2007

Amtliche Hundeentführung

Wieder glücklich zu Hause - was hat Muck wohl alles erlitten und erduldet?
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Unser Hund "Muck" (im Bild) wurde gestern Freitag 12. Oktober 07 im Tierheim Weiermatt (Adliswil, http://www.tierpension-weiermatt.ch/) in einer Razzia des Kantonalen Veterinäramtes, vertreten und geleitet durch die Kantonstierärztin Frau Regula Vogel, beschlagnahmt, zusammen mit vielen andern Hunden, die von ihren Besitzern dort ferienhalber oder aus andern Gründen vertraglich in Obhut waren. Die vom Tierheim ebenfalls aufgenommenen, zugelaufenen halterlosen Hunde, hat das Veterinäramt nicht mitgenommen, was darauf hinweist, dass die Beschlagnahme keine seuchenpolizeiliche Massnahme war. Leider will uns die Kantonstierärztin nicht mitteilen, wo sich Muck befindet. Der Tierrettungsdienst hält sich ebenfalls bedeckt, obgleich er vom Vorgang weiss. Dabei wäre es ganz einfach: Wir erhalten die Adresse des Aufenthaltsortes und wir holen unsern Hund dort ab. Die Hunde und ihre Halter sind ja heutzutage mit Chip leicht indentifizierbar. Stattdessen lässt uns die Kantonstierärztin und Präsidentin der eidgenössischen Tierversuchskommission im Ungewissen und macht nur vage Angaben über die Rückführung unseres vierbeinigen Familienmitglieds. Übrigens hatten wir mit dem Tierheim Weiermatt den Abholtermin auf Samstag, 13. Oktober mündlich und schriftlich vereinbart. Am Freitag ging eine Faxbestätigung von uns ans Tierheim, wo wir den Abholtermin Samstag nochmals schriftlich festhielten. Dieses Fax wurde dem Veterinäramt bei der Razzia gezeigt, trotzdem nahm man unseren Hund mit! Man untersagte der Tierheimleitung die Kontaktaufnahme mit den Hundehaltern während der Razzia, und man richtete stattdessen unsägliches Chaos und Panik unter den Tieren an. Dieses Vorgehen des Veterinäramtes ist unverhältnismässig und völlig inakzeptabel. Der Hund ist keine Ware, die man einfach wegführen kann, wie ein falsch parkiertes Auto, ohne die Eigentümer über den Verbleib zu unterrichten. Wir sind zum Zeitpunkt der Razzia telefonisch erreichbar gewesen und hätten den Hund sofort abholen können. Diese mit zahlreichen Autos und Polizei durchgeführte Beschlagnahme ist sehr teuer. Warum hat man für dieses Geld der Hundeheim-Leiterin, die sich in den Medien einsichtig und lernfähig zeigte, nicht einen Coach zu Seite gestellt? Übrigens wurde uns dieses Hundeheim von unserem Tierarzt empfohlen, und auch ein weiterer Adliswiler-Tierarzt, den wir zusätzlich konsultierten, wusste nichts Negatives über diese Tierpension zu berichten. Kurzum, eine so brutale Aktion von Amtes wegen gehört nicht in ein zivilisiertes Land. Ein weiteres Tierheim in unserer dichten Agglomeration wird damit in seiner wirtschaftlichen Existenz getroffen, statt geschützt. Das kann nicht im Interesse der Bevölkerung sein. Nie wieder werden wir den Hund in eine Tierpension geben, denn man kann nie wissen, ob ihn das Veterinäramt dort beschlagnahmt mit unbekanntem Verbleib. Unglaublich aber wahr!
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Friday, September 28, 2007

Rehaklinik Zauberberg II


Dem Auf und Ab einer fiebrigen Lunge im Zauberberg[1] entspricht in der kardialen Rehaklinik die immerfort drohende Herzrhythmusstörung, insbesondere der Herzinfarkt. Mit einem Arsenal fallweise verordneter Arzneien für die Rhythmuskontrolle, Betablockern, Lipidsenkern, Antikoagulazien, Digitalis-Extrakten und Nitraten verfügt die Klinik über eine einmalige Kompetenz. Nützen die Arzneien nichts, so schreitet man weiter zu einer elektrophysiologischen Schocktherapie, der so genannten Elektro-Kardioversion, die unter Narkose durchgeführt wird. Das Herz wird für Augenblicke stillgelegt. Erfahrungsgemäss springt das unbotmässige Herz nach ein, zwei oder drei gewaltigen Schlägen in den normalen Rhythmus um, Tachykardien verschwinden sofort. Ob dieser Sinusrhythmus persistiert oder ob das ungeregelte Rumpeln im Brustkasten nach Tagen oder Wochen wiederkehrt, bleibt allerdings eine bange Frage so mancher rasch Entlassener. In Davos kehrten zu früh Entlassene rechtzeitig zurück, oder sie verstarben in der feuchten Tieflandluft. Auch in Gais[2] soll es eine wiederkehrende Klientel geben, sie ist aber nicht die Regel, weil man geradezu beschwörend eine individuell eingestellte, Rückfälle verhindernde Austrittsrezeptur verordnet, die, zusammen mit Verhaltensvorschriften, oft lebenslang beachtet werden muss.

Kranke Kurgäste aus aller Welt trafen sich im Zauberberg: Russen, Holländer, Spanier, Italiener, Griechen, viele Deutsche und Österreicher, genau wie heute, wobei ich in Gais überdies einen Inder und eine Amerikanerin ausmachte. Die pflegenden Fachfrauen bestehen heute aus einer gepflegten Frauengruppe in weissen Uniformen, die von einer mit schulterlangem hellblonden Haar dekorierten, äusserst rasch und präzis arbeitenden Oberpflegerin angeführt wird. Eine Tafel zeigt die Portrait-Fotos dieser Truppe, deren Namen vorwiegend auf «-ic» enden. Ob sich Thomas Mann wohl die Arbeit vereinfachte, indem er nur eine Krankenschwester portraitierte, eine schwarz eingekleidete mit weisser Haube, mit einer rauen Schale gepanzerte Diakonissin, eine in allen Krankengeschichten erfahrene Person, deren Loyalität zum Zauberberg sich nicht zuletzt in einer auffälligen Geschäftstüchtigkeit entpuppte. Sie verkaufte Fieberthermometer alias Quecksilberzigarren sogar den Gästen. Gegen beschönigendes Ablesen gab es die stumme Schwester, ein Thermometer ohne Gradeinteilung, nur die Schwester hatte eine passende Ableseskala in ihrer Tracht. Heute kaufen wir Blutdruck- und Quickmessgeräte für den beruhigenden Eigengebrauch in den Selbstbedienungsregalen der Epigonen Duttweilers. Gotteslohn oder Hungerlöhne gegen eine trügerische soziale Sicherheit sind die gemeinsame Grundlage dieser durch ihren Sinn geadelten Anstellungsverhältnisse, damals wie heute.

Am Klinikeingang gab und gibt es die Concierge-Loge, wo die Post in Fächern verteilt wird, mit einem kleinen Nebengeschäft in einem Kiosk, der Zeitungen, Bücher, Vortragsmanuskripte, Toilettenartikel, Papeteriewaren, Süssigkeiten und sogar Sylvesterscherze und Vulkane für den Nationalfeiertag feilbietet. Heute liegen grosszügig alle relevanten Tageszeitungen der Gegend und die wichtigsten Presserzeugnisse der Schweiz gratis zum Lesen an Ort und Stelle auf. Ein einziger Unterschied, der auf evidenzbasierter Medizinforschung beruht: Zigarren, wie sie im Zauberberg trotz verkäster Lungen grosszügig angeboten wurden und die auch Thomas Mann olfaktorisch inspiriert haben – übrigens auch ein psychosomatischer Effekt – sind heute als extrem herzgesundheitsschädigend tabu. Den bedauerlichen Tabaksüchtigen und Genussrauchern ist das Rauchen nur noch auf einer harten Sitzbank im Beton der Autounterstände erlaubt, die Tür dazu ist freilich auch des Nachts geöffnet. Und so sitzt dort immer ein verschworenes Grüpplein Inhalierender mit einem sehr schlechten Gewissen. Nachts tanzen rote Irrlichter ab und auf.

In einem gepflegten warmen Hallenbad vermittelt heute Wassergymnastik bei flotter Musik das höchste aller therapeutischen Gefühle. Im Berghof waren es streng verordnete stille Liegekuren an roborierender Bergluft auf endlos langen gedeckten Balkonen; die Liegezeiten waren auch bei schlechtem Wetter und bei starken Minustemperaturen strikt einzuhalten. Wärme holte man sich aus dem eignen im persönlichen Bärenfell verpackten Körper, insbesondere aus dem immerfort verdauenden Bauch. Auf die Atemwege, die Lungenentfeuchtung und auf die vegetative Regulation kam alles an, und auf den unbändigen Davoser-Appetit, der in 5 Mahlzeiten befriedigt wurde. Sport wurde eher klein geschrieben, er diente höchstens der Abwechslung und dem Vergnügen, wogegen die Kuren heute überwiegend Sport- und Wellness-Kuren sind, seit man durch unzählige doppelt blinde Studien weiss, wie viel nachhaltige Gesundheit passend dosierter Sport in kardiovaskulär Erkrankten aufzubauen vermag. Überhaupt waren die Zimmer damals für heutige Wellness-Bedürfnisse viel zu kalt. Damit im Winter das Waschwasser im Keramikkrug nicht gefror, behalf man sich mit zentral befeuerten, knackenden Dampfradiatoren. Ich bewegte mich in Gais auf nur 1000 m.ü.M. im Juli. Sogar dann wurde die Heizung vorübergehend immer wieder eingeschaltet.

Auf das Essen wurde und wird grössten Wert gelegt, weil es für das Gesundwerden und Gesunderhalten durchaus notwendig war und ist, freilich heute mit veränderten Prinzipien. Damals wurden drei opulente Hauptmahlzeiten gereicht, wie sie schon in Buddenbrooks beschrieben sind, ergänzt durch zwei im Speisesaal einzunehmende Zwischenmahlzeiten, also fünf Mahlzeiten insgesamt. Heute wird kalorienbewusst aufgetischt, die Zusammensetzung der Tellerinhalte ist nach einem ausgeklügelten System auf jeden Kurgast abgestimmt. Mein Zimmerkollege erhielt Diabetes-Diät. Nachschöpfen ist in der Regel nicht für alle Speisen erlaubt; die Küche schöpft nach und man trägt fertig beladene Teller in den Speisesaal. Für die empfohlenen Znüni und Zvieri wird am Frühstücksbuffet Extraobst gereicht. Mittelmeerkost heisst das Zauberwort für Herzpatienten, denn die Mittelmeerbewohner leiden ihrer Ernährung wegen weniger an Herz-Kreislaufkrankheiten.

Hans Castorp atmete am Waldrand im Zauberberg tief die reine Frühluft, diese frische und leichte Atmosphäre, die mühelos einging. Die moderne Klinik liegt inmitten landwirtschaftlich intensiv genutzter Grasparzellen. Sie werden von Bauern bewirtschaftet, denen es offensichtlich keine Herzensangelegenheit ist, den Herzkranken zu hofieren. Ich habe eine Geruchsattacke erlebt, die ich ihrer Schärfe wegen schon fast kriminell nennen müsste, weil vor dem Wind nicht-desodorierte Schweine-Jauche ausgebreitet wurde, worauf die Terrasse des Klinikrestaurants fluchtartig geräumt und die Türen rasch verschlossen werden mussten. Leider sandte der Himmel auch keinen Regen übers Land; es stank tagelang durch alle Ritzen. In der Klientel des Kurhauses regte sich grosser Unwille. Nicht genug: Hinter dem medizinischen Trakt befindet sich im Abhang eine Grasterrasse, auf der täglich Morgenturnen mit Stock vor dem Frühstück angesagt ist. Ich habe beobachtet, wie der Landwirt bis hart an den herrlichen Platz die Jauche ringsherum austrug. Nun gibt es eine Zeitlang kein Entrinnen mehr, jeder muss morgens bei Turnübungen die bäurischen Fäkaliengase kräftig inhalieren. Unbegreiflich, da es doch die geruchsfreie Gülle gibt.[3]

So hat jede Klinik ihre Vorzüge und Nachteile, heute wie vor hundert Jahren. Überblickt man das ganze Geschehen, kann man der heutigen, evidenzbasierten[4] Rehabilitation ein Kränzchen winden. Für den Herzpatienten sind die Fortschritte durch Kraftgewinn und Ausdauer in der Regel täglich spürbar. Bald wird man in die oberen Stockwerke zu den tüchtigeren Leidensgenossen, zu den beinahe Gesunden umquartiert, die sich als noch Gestörte erweisen, weil sie, statt den Lift zu nehmen, wie wild die Treppen rauf und runter sausen. Der dreimal tägliche Blutdruck/Puls-Rapport im Pflegezimmer findet nur noch einmal statt. Die geführten Wanderungen von einer knappen Stunde dehnen sich nun auf vier oder mehr Stunden aus, und dies bei jedem Wetter. Man wird forciert, wo es drinliegt, und kann entspannen durch etwas Ruhezeit, mehrmals täglich. Und man wird persönlich abgestuft ausgelastet und dabei sorgfältig überwacht, auf Schritt und Tritt professionell beraten.

Dieser Prozess ist messbar, er wird in zahlreichen Protokollen festgehalten. Was früher der Geheimrat über seine Krankenschwester anordnete, darum kümmert sich heute ein eingespieltes Team, von der Zimmerfrau bis zum Verwaltungsdirektor, von den Vorturnerinnen bis zum Sportlehrer, von der Küchenangestellten bis zum Chefarzt. Hinter den Kulissen arbeiten EDV-Spezialistinnen, die man nie zu Gesicht bekommt, auf der Grundlage der ständig erhobenen Befunde und Messdaten, an ausgeklügelten Programmen und persönlich abgestimmten Einsatzplänen. Heute könnte sich ein mehrjähriger Kuraufenthalt niemand mehr leisten; in den kassenpflichtigen vier Wochen im Appenzellischen wird indessen mehr erreicht.
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[1] Zauberberg, Roman von Thomas Mann über ein Davoser Lungensanatorium vor 100 Jahren.
[2]
www.klinik-gais.ch Herz-Rehaklinik im Appenzellerland
[3] Rüprich, W. (1980): Geruchsfreie Gülle. DLG Verlag Frankfurt
[4] www.evimed.ch hat die Fachkompetenz zur Bewertung klinisch-medizinischer Informationen für die Praxis.

Rehaklinik Zauberberg I


Noch vor meiner Herzoperation las ich rein zufällig Thomas Manns Zauberberg. Vielen ist dieser in 35 Sprachen übersetzte, millionenfach verkaufte Roman über die Davoser Lungenklinik bekannt, für Davoser und Kilchberger ist seine Lektüre Pflicht. Thomas Mann selbst erhielt dafür den Ehrendoktor für Naturwissenschaften von der Eidgenössisch-Technischen Hochschule ETH, 1955 in Kilchberg/Zürich, insbesondere für seine akribische Beschreibung der Medizintechnik vor dem ersten Weltkrieg mit der damals neuen Röntgentechnik, die im Zauberberg vor allem zur Sichtbarmachung des Lungenzustandes zur Anwendung kam. Auch in der heutigen Herzdiagnostik spielt das Röntgen-Brustbild eine wichtige Rolle. Die Klinik Gais, in die ich nach der Herzoperation eingewiesen wurde, besitzt auch eine derartige Apparatur, und zwar im Kellergeschoss, wo sie der Abschirmung halber schon damals im Zauberberg aufgestellt wurde. Die historische Fotoplatte ist heute durch den Flachbildschirm mit DVD-Recorder ersetzt. Wegen der langen Belichtungszeit war das schlagende Herz nur ein verwaschener Schatten; es wird heute als kontrastreiches Live-Video registriert.

Im Betrieb eines medizinischen Kurhauses vor hundert Jahren und heute gibt es auffallend viele Parallelen. Es ist nicht ohne Reiz, diese einander gegenüberzustellen.[1]

Damals im Zauberberg wie heute in Gais tragen zwei deutsche Ärzte die medizinische Verantwortung. Der eine, ein introvertierter Bartträger, kümmert sich um die seelischen Nöte; der andere, extravertiert und temperamentvoll, ist für die somatischen Erkrankungen zuständig. Im Zauberberg wurde die Tuberkulose kuriert, in Gais kümmert man sich vor allem um die am Herzen frisch Operierten. Beide Ärzte hielten und halten wöchentlich Vorträge für alle. Schon damals war es erstrebenswert, aufgeklärte Patienten heranzubilden. Heute ist dies in der spezialisierten Medizin offenbar noch wichtiger geworden. Die leitende Ärztin in Gais, Angelika Bernardo, schreibt in ihrem Buch[2] Herzklappe ein ganzes Kapitel über den operierten Patienten – Fachmann in eigener Sache. In der psychologischen Unterweisung standen damals die um den Sexus kreisenden Theorien von Sigmund Freud im Zentrum der Aufmerksamkeit und sorgten im Auditorium für deplaciertes Gekicher. Heute ist die Psychosomatik das im Trend liegende Fachgebiet, doch sorgt der Raucherpenis wie früher für kichernde Unruhe im Publikum, mit dem Unterschied, dass heute jemand zu fragen wagt, worum es sich hierbei handle.

Die Trennung der Zuständigkeiten beider leitender Ärzte ist übrigens rein praktisch begründet. In dieser Klinik für kardiale und psychosomatische Rehabilitation wird bei jeder Gelegenheit die Einheit der Menschennatur betont, die sich nicht in eine seelische und eine organische Abteilung auseinander dividieren lässt. So nehmen auch die mehr psychologisch Betreuten am vollen Sportprogramm teil, nach dem alten Leitwort mens sana in corpore sano. Umgekehrt haben Herz-/Kreislaufkrankheiten oft stressbedingte, mithin psychische Ursachen. Obgleich die Fachrichtung Psychosomatik in der universitären Medizin erst seit wenigen Jahren voll berücksichtigt ist, äusserte sich schon Thomas Mann vor hundert Jahren in diesem Sinne, indem er im Zauberberg über Sachverhalte berichtet, die sich auf dem Wege über das Seelisch-sittliche geradezu auf das physische und organische Teil des Individuums erstrecken mögen. Auch schreibt er über Schmerzen, die gleichzeitig physische wie seelische Ausdehnungen haben. Darüber, dass die meisten Krankheiten multifaktoriell bedingt sind, herrscht heute weitgehend Übereinstimmung. Über die Gewichtung psychischer und körperlicher Faktoren bei unterschiedlichen Krankheitsbildern gibt es jedoch immer wieder unterschiedliche Positionen zwischen somatisch orientierten Medizinern und Vertretern der klinischen Psychosomatik, denn der psychosomatische Ansatz trifft heute auf ein medizinisches System, das in vielen Bereichen noch dem Kausalitätsprinzip des kartesianischen Weltbilds folgt und einer Krankheit jeweils eine bestimmte Ursache zuzuordnen trachtet.[3] In der sehr erfolgreichen Klinik Gais, wo gleichberechtigt kardial und psychosomatisch behandelt wird, scheint man in dieser Hinsicht Marksteine zu setzen. [4]

Der langen Verweildauer der Patienten, nicht selten von Jahren, im Davoser Lungensanatorium entsprach der Zeitbedarf einer tiefenpsychologischen Analyse bestens, während heute dieselben Krankheiten in der medikamentös unterstützten Verhaltenstherapie offenbar in nur vier Wochen kuriert werden können. Damals konnten sich nur Gutbetuchte einen so langen Aufenthalt überhaupt leisten, wo heute eine krankenversicherte gemischte Klientel nach nur wenigen Wochen für den Alltag tüchtig entlassen wird. Gesunde Gäste übrigens waren früher ebenso willkommen wie heute, mit dem kleinen aber unfeinen Unterschied, dass damals der Röntgenarzt oder die Fieberschwester dazu neigte, Gäste in Kranke zu verwandeln, indem man die Ahnungslosen von den Segnungen eines Langzeit-Aufenthaltes zu überzeugen versuchte. So kam es, dass der Protagonist, der frischgebackene Schiffsbauingenieur Hans Castorp, vom gesunden Besucher zum Lungenkranken mutierte und im Zauberberg lange Zeit festgehalten wurde. Solches geschieht heute kaum noch, obgleich die barzahlenden Gäste auf Wunsch am vollen Therapieprogramm teilnehmen können. - Vergleichen wir im Folgenden einige interessante Einzelheiten damals und heute.

Sauerstoff zur Lungenunterstützung der Moribunden[5] musste damals für teures Geld in runden Flaschen bezogen werden. Heute wird es durch bauseitige Leitungen ans Kopfende der Spitalbetten geführt, worin nicht nur Sterbende liegen. In Gais wird anschliessend Atemgymnastik betrieben zur Entfaltung des durch Herz-Lungen-Maschine und Pneumothorax oftmals verkümmerten Organs. Begriffe wie Pneumothorax [6], Pleuraschock, Pneumotomie, Rippenresektionen und dergleichen werden von Thomas Mann rückhaltlos realistisch beschrieben. Sie können noch heute Betroffene gehörig schrecken; im Zauberberg erhöhten solche Erfahrungen am eignen Leib das soziale Ansehen im Sanatorium. Operationen dieser Art werden heute spitalseitig behandelt, sie spielen im Rehazentrum kaum mehr eine Rolle. Hingegen kursieren sie dort als Krankengeschichten, über die man oft und gerne spricht. Eine eigene, möglichst krasse Krankengeschichte ist auch heute für Neueintretende der beste Schlüssel für eine rasche soziale Integration. Sie kursieren etwa im Speisesaal, an den 4er- oder 6er-Tischen, und dienen, zusammen mit den mediterranen Leckerbissen, durchaus zur psychosomatischen Rekonvaleszenz.

Es werden in Gais Kategorien gebildet, Leistungsklassen etwa, Herzklappengruppen, Bypass-Operierte und andere. Ärzte kümmern sich um solche Gruppen speziell, Herzklappen-Probleme werden in der Klappengruppe intensiver diskutiert, man kann dort mit der Internet-Medizin brillieren und man lernt sich kennen. Dabei verkehrt man unter den Patienten in der Regel per Du, die zivilen Standesunterschiede und sozialen Netze zu Hause verblassen. Seine Therapieziele kann am besten erreichen, wer sich solcher Gemeinschaft nicht entzieht, sondern unterwirft. Dann spürt man die heilsame Gruppendynamik am eigenen Leib.
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[1] http://corpus.en.kyushu-u.ac.jp führt zu einer Thomas-Mann-Konkordanz einer Universität in Japan, die jedes Stichwort in seinem Kontext zeigt. Eine wunderbare Hilfe für meinen Vergleich!
[2] Angelika Bernardo (Hrsg.): Gut leben mit der neuen Herzklappe. Trias – Stuttgart, 2002, 228 S.
[3] Siehe auch Psychosomatik in Wikipedia.
[4] Über die Geschichte der Psychosomatik in der Schweiz berichtet in Form eines elektronischen Buches www.sgppm.ch/adei.php?go=geschichtede
[5] Hinter den Türen, vor denen solche Ballons standen, lagen Sterbende oder «Moribundi», wie Hofrat Behrens sagte (Zitat aus Zauberberg). In Gais gibt es selten Moribunde.
[6] Historisch ist der künstlich angelegte Pneumothorax als Therapieverfahren bei der Lungentuberkulose bekannt.

Saturday, July 21, 2007

Big Bang


Mein Herz schlägt noch nicht im richtigen Rhythmus. Es entzieht sich der Kontrolle durch den natürlichen Schrittmacher, den Sinusknoten. Stattdessen lässt es sich von den Vorhöfen zu sehr beeindrucken, die nach der vorübergehenden Stilllegung in der Herz-Lungen-Maschine nun ihr eigenes Entladungsspiel betreiben und den Herzkammern ein gleichmässiges Pulsieren verunmöglichen. Diese Komplikation ist nach grossen Herzoperationen bekannt. Sie ist nicht lebensgefährlich, muss aber dennoch ernst genommen werden, denn das Herz kann seine volle Leistungsfähigkeit so nicht entfalten. Mindestens die Blutverdünnung muss ich mit diesem so genannten Vorhofflattern dann lebenslang beachten. Das wäre eine herbe Enttäuschung für mich, denn ich habe mich gefreut, wie früher ein Leben ohne Medikamente führen zu können. Das wurde mir vom Chirurgen für diesen biologischen Klappentyp in Aussicht gestellt.

Die Rehaklinik kümmert sich also um die so genannten Kardioversion. Zunächst gibt man mir Betablocker, zwei Wochen lang. Diese verhindern zunächst die unmotivierten raschen Kontraktionen der Herzkammern. Man hofft, dass ein regelmässiger Puls, ein Sinusrhythmus sich mit der Zeit spontan einstellt. Doch mein Herz findet pharmakologisch nicht in die Normalität zurück. Lediglich nachts, nachdem ich Stunden geschlafen habe, höre ich mein Herz im Kopfkissen schön regelmässig pumpen. Schon unter der Dusche kehren morgens die Unregelmässigkeiten zurück. Beharrlich rumpelt meine Herz im aufgeschlitzten Herzbeutel wie ein unmusikalischer Chaot, schnelle Schlagzeiten wechseln mit langsamen unruhig ab. Anfangs ängstigt mich dies, doch dann gewöhne ich mich daran und es ergeben sich daraus kaum Missempfindungen. Allein, die Pumpleistung entwickelt sich nicht in der gewünschten Stärke. Trotzdem kann ich an einem 3-stündigen Marsch ohne Beschwerden teilnehmen.

In der Rehaklinik spreche ich mit einem Leidensgenossen, dem dasselbe Problem zu schaffen machte, der die 4-wöchige Kur aber dann doch mit einem Sinusrhythmus verlassen konnte. Nicht weil sich das Herz spontan normalisiert hätte, sondern wegen einer ganz andern Erziehungsmethode für das unbotmässige Wesen: Ein Elektroschock hat sein Herz schliesslich zur Raison gebracht. Die elektrische Kardioversion ist nun also auch bei mir die Methode der Wahl, und es ist mir noch nicht klar, ob die Angst vor der zwar kurzen, aber schockierenden Kur oder die Hoffung auf Normalität überwiegt. Zweite und dritte ärztliche Meinungen, insbesondere diejenige meines Chirurgen, dem ich vertraue, geben mir schliesslich den Mut, mich in der dritten Reha-Woche dem heilenden Urknall mittels Defibrillator tapfer auszuliefern. Armes Herz, denke ich, will man dich mit 100 Wattsekunden-Schlägen zur Ordnung zwingen? Ergebe dich dieser Übermacht, denke ich, halte durch, nachher wirst du es leichter haben, wenn du den ordentlichen Tritt gefunden hast.

Zwei Ärztinnen kümmern sich um mich. Man fragt mich, ob ich nervös sei. „Ich gehe cool an die Sache ran, wenn ich mich mal dazu entschlossen habe“, erwidere ich. Die leitende Ärztin der Klinik, Kardiologin in zweiter Generation, geht bereitwillig auf meine letzten Fragen ein. Sie steht am Kopfende des Bettes und überwacht umsichtig und erfahren den Narkoseverlauf und meine Körperreaktionen auf den Schock, um im Notfall eingreifen zu können. Die zweite Kardiologin gibt mir Sauerstoff, dosiert die Narkose, leitet sie über die Infusion ein und bedient die „Shockmachine“ Marke Philips HEARTSTART MRx Monitor/Defibrillator. Bevor ich mich dieser Maschine anvertraue, habe ich alle Betriebsanleitungen und Erklärungen des Herstellers durchgelesen. Fazit: Diese Klinik benützt ein sehr modernes und gleichzeitig valides Gerät. Es werden grossflächige Klebeelektroden linksseitig unter dem Herzen und unter dem rechten Schlüsselbein angebracht. Sie geben Gewähr, dass keine Hautverbrennungen auftreten, da der Stromfluss auf die Fläche verteilt wird. Die Kurznarkose dauert 45 Minuten und wird mit dem kardiovaskulär neutralen Narkosemittel Etomidat durchgeführt, das mich unmerklich einschlafen und ohne Missempfindungen wieder erwachen lässt. Der erste Elektroschock, biphasisch mit 100 Joule Energie und 10-15 Millisekunden Dauer, wird schon nach wenigen Minuten durch Knopfdruck ausgelöst. Es fliesst, synchron zur Herzkontraktion, dabei kurzfristig 10 Ampère Strom durch den Brustkorb. Ein solcher Stromschlag wäre ohne Narkose nicht auszuhalten und hätte eine schwere Traumatisierung zur Folge. Doch in der Narkose spüre ich davon effektiv nichts!

Schon spricht die leitende Ärztin mich an: „Herr Fricker, ihr Herz schlägt im Sinusrhythmus. Wir benötigten nur einen Schock.“ Ein freudvolleres Erwachen gibt es nicht! Ich bin sofort bei Sinnen und gebe meiner Erleichterung über diesen Erfolg redseligen Ausdruck. Noch etwas liegen bleiben ist angesagt, dann kann ich auf den Bettrand sitzen und schon nach Minuten unbegleitet ins Zimmer zurückgehen. Ich fühle mir dort den Puls: Tatsächlich, so regelmässig und kraftvoll war er nach der Herz-Operation noch nie! Ich rufe meine Frau an, und sie freut sich riesig mit. Ich beschaue mich im Spiegel: Es ist nur der Rand der Elektrode als geringe Rötung der Haut noch sichtbar, die Haut darunter ist freilich tastempfindlich. Ich rufe meinen Freund an, der sich um alle meine Genesungsschritte rührend kümmert. Als erfahrener Naturwissenschafter beeindruckt ihn diese Massnahme sehr, und er ringt um eine theoretische Erklärung, warum das Herz durch den Schock von so viel Chaos in den Vorhöfen zur alten Ordnung zurückfindet.

Die Kardiologen wissen zwar, dass es funktioniert und wie man es machen muss, aber sie wissen nicht, warum es funktioniert! In der Kardiologie hat man 30 Jahre Erfahrung mit dieser Elektro-Kardioversion, wie sie verharmlosend heisst, aber man hat keine theoretische Erklärung, was dabei genau geschieht. Dies ist eine typische Situation in der Medizin, sie gleicht oft mehr einer Kunst als einer exakten Wissenschaft. Zwar warf mich dieser Schock um etwa eine Reha-Woche zurück, das Treppensteigen ist wieder mühsam. Die Vorhöfe müssen von ihrem 400/s Flattern wieder in den regulären Rhythmus von 60-70/s Kontraktionen zurückfinden und der Sinusknoten muss, durch das Vegetativum gesteuert, wieder lernen als Dirigent zu führen. Der chronisch zu tiefe Blutdruck scheint nun durchschnittlich 20 mmHg höher zu sein, die Neigung zur Schwindel wäre damit behoben.

Tuesday, July 10, 2007

Ewigkeit

Bild 1: Meine halb verschlossene Aortenklappe vor deren Entfernung

Die Langeweile, die Kurzweil, die schnelle Zeit, die wie im Schlaf vergeht, aber auch quälend langsame, immerfort kreisende Szenen in Träumen sind uns allen wohl bekannte Erscheinungen unseres Zeitempfindens. In der grossen Narkose habe ich selbst, und alle der von mir befragten Leidensgenossen haben es bestätigt, die eigene Zeit als Zeitloch erlebt. Frühmorgens am Operationstag, noch auf der Bettenstation, erhalte ich das Einschlafmittel über die Infusion und bin in Kürze sanft entglitten. Nicht einmal die Fahrt in den Operationsraum nehme ich wahr. Im gleichen Augenblick jedoch, und das ist das Erstaunliche, ist die komplizierte Operation auch schon vorbei. Ich erwache sanft und ohne Missgefühle und freue mich am abendlichen Sonnenlicht und Blätterwerk draussen vor der Jalousie des Aufwachraums.

Bild 2: Meine neue Bio-Herzklappe nach Implantation; rechts die künstliche Blutversorgung in die Hauptschlagader durch die Herz-Lungen-Maschine
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Die theoretische Deutung des Zeitlochs in der Herzoperation ist nicht einfach. Die Zeitwahrnehmung wird hier sozusagen aus- und am Ende wieder eingeschaltet. Dazwischen liegt kein subjektives Zeitgefühl. Werden die dafür verantwortlichen Nerven-Kerne stillgelegt? Ist es ein tolerierter Nebeneffekt, oder wird es durch die Narkosemittel gezielt bewirkt? Dazwischen dreht der grosse Zeiger der Uhr (physikalische Zeit) mehrmals rundherum, in der die Chirurgen ganze Arbeit leisten.

Man kann es auch so beschreiben: Es ist wie ein langer Filmstreifen, aus welchem für mich mehrere Stunden herausgeschnitten und die beiden freien Enden zusammengeklebt werden. Das Drehbuch dieses Filmabschnitts zeigt sich mir nur noch in Form eines Operationsberichts und zweier Fotos, der alten und der neuen Klappe an meinem Herzen.

Eine grosse Operation an der Herz-Lungen-Maschine ist nicht eine gerade Einbahnstrasse, sondern eine Verzweigung. Eine geringe Anzahl derjenigen, die zeitlos hineinfahren, biegen ab in die Strasse, aus welcher man gar nicht mehr erwacht. Für Ärzte ist dies eine Art von Roulette, wo eine Raste mit Tod angeschrieben ist. Es ist immer möglich, sagen sie in ihren Publikationen, dass die Seelenkugel dort stehen bleibt. Wenn man zurück fragt, wie breit denn diese Raste sei, wissen sie es höchstens im statistischen Durchschnitt, wenn überhaupt. Jedes Herz ich nicht bloss ein Körperorgan, es ist ein eigenes Wesen mit seinen inneren Werten, Ordnungen und Gesetzen.

Gross war die Anteilnahme der Familie, meiner Freunde und vieler lieber Bekannter, die mir Glück wünschten; und viele beteuerten, in Gedanken und in Gebeten (auch islamischen) an mich zu denken in der Hoffnung, dass mir die Todesstrasse nicht bestimmt sei. Obgleich ich lieber Glauben durch Naturwissenschaft ersetze wo, diese anwendbar ist, rührte und rührt mich dies sehr, und ich danke allen für die überwältigende und hoch wirksame Anteilnahme an meiner Achterbahnfahrt. Meditative Selbsthypnose akzeptiere ich wohl und kenne sie insbesondere in Form der Psychofonie. Offen gesagt weiss ich nicht, was es heisst, den Himmel mit den eigenen inneren Augen zu schauen. Ich habe nie das Wort Gottes direkt gehört oder Engel gesehen. Deshalb greife ich lieber zu Büchern und Texten über den Himmel. Rilke etwa hat es mir sehr angetan.

Schliesslich bleibt die Musik, dieses unergründliche Wesen, das alles zusammenzufassen scheint; kaum auszudenken, wenn ich auf die Musik, auf Beethoven, Chopin, Brahms, Rachmaninov und wie sie alle heissen, verzichten müsste. Musik ist das Medium, das ich innig teile mit meiner engsten Beziehung, derjenigen zu meiner geliebten und starken Frau. Gerade jetzt habe ich erfahren, welches Himmelsgeschenk sie in meinem Leben ist. Unverdientes Glück! Vielen meiner Mitpatienten müssen auf ein solch intensive Anteilnahme und Genesungshilfe verzichten und erfahren ihre Einsamkeit jetzt umso schmerzlicher.

In diesen langen Tagen und Nächten nach meiner Herzoperation denke ich oft zurück bis in die eigene Kindheit. Auch ich wurde als Kind getauft und bin vor Jahrzehnten von meinen Eltern in christlicher Auferstehungshoffnung erzogen worden. Es liegt mir deshalb nicht fern, diesen Glauben mit der tatsächlich erlebten biologischen Zeitlosigkeit gedanklich zu verbinden. Man kommt dann zum überraschenden Schluss, dass die Auferstehung für alle Verstorbenen zu einem einzigen Zeitpunkt stattfindet, nämlich im zeitlosen grossen JETZT.

Tuesday, July 3, 2007

In der Schlangengrube Äskulaps II

Fluchtartig verliess ich also das städtische Spital und versuchte die Schlangen Äskulaps wie böse Träume abzuschütteln. Weder ein Quacksalber noch ein Kardiologe, sondern der Hausarzt brachte mir dann die Zweitmeinung ins Haus. Schliesslich aber wurde mir klar: die Herzoperation muss sein. So stellte ich mich gefasst und gut vorbereitet dem Gespräch mit meinem Chirurgen. Dieses beginnt mit einer Überraschung.

Die Schriften der Schweizerischen Herzstiftung[i], die im Spital den Herzkranken abgegeben werden, empfehlen den Patienten in meinem Alter die künstliche Herzklappe aus Carbonfasern. Sie ist im Blog unten abgebildet. Da mechanische Herzklappen normalerweise keine strukturellen Veränderungen erleiden, werden Sie bei 60-jährigen bevorzugt eingesetzt. Sie verlangen jedoch eine lebenslange antikoagulatorische Therapie[ii] aufgrund ihrer starken thrombogenen[iii] Eigenschaften. Nachteil: Das Blutungsrisiko nimmt damit zu. Es steigt mit zunehmendem Alter, was insbesondere für das Hirn fatal sein könnte. Das bekannteste Medikament Marcumar hat in der Praxis überdies noch weitere Nebenwirkungen[iv], die es nebst Beipackzettel zu bedenken gilt.

Die Überraschung besteht darin, dass mir mein Chirurg eine biologische Klappe empfiehlt. Ich war auch darüber bereits aus dem Internet informiert und entgegnete, dass ich in diesem Falle in zirka 15 Jahren nochmals zur grossen Herzoperation antreten müsse. Der Chirurg hatte dagegen nichts einzuwenden. Er schätzte das Risiko einer zweiten Herzoperation geringer ein als das Risiko einer lebenslangen Blutverdünnung. Biologische Klappen, modelliert aus dem Herzbeutel des Rindes (Pericard), oder echte Schweineklappen, die in einem Gerüst befestigt und am Ausflusstrakt der linken Herzkammer eingenäht werden, neigen genau so zur Verkalkung wie meine angeborene Herzklappe. Ihre Lebensdauer ist infolge dieser Abnützung beschränkt. Je nach Studie findet man Werte von 10 - 25 Jahren.

Der entscheidende Vorteil biologischer Herzklappen liegt in der geringen Thrombogenität4, die eine lebenslange antikoagulatorische3 Medikation entbehrlich macht. Auf Patientendeutsch heisst das, wenn die Operation gelingt, kannst du die Klappe lange Zeit vergessen. Man empfiehlt mir die porcine Mosaic Bioprothese von Medtronic[v], die in der dritten Generation mit Antimineralisationsbehandlung erhältlich ist. Hiermit steigt die Aussicht auf ein nicht eingeschränktes, selbstvergessenes Leben. Klar, dass dies die Krönung jeder chirurgischen Massnahme ist. Florian Botzenhardt hat dieser Prothese seine Doktorarbeit gewidmet. Diese ist sehr aufschlussreich für mich und motiviert mich, dem Antrag des Chirurgen stattzugeben. Ich habe mir schon vorgenommen, 15 Jahre lang wenig Schweinefleisch zu essen, um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen, dass ein extra dafür gezüchtetes Säuli sein Leben für mich lassen musste.

Auch auf das Gespräch mit der Anästhesiärztin habe ich mich im Internet vorbereitet. Ich frage sie, welche Blumen sie mag. Ich werde ihr einen grossen Strauss Lieblingsblumen schenken, wenn meine intellektuellen Funktionen und insbesondere das Gedächtnis nicht abnehmen, immerhin habe ich solche Berichte in meinem Bekanntenkreis gehört. Ein maximaler Schutz des Hirns ist für mich einer der wichtigsten Gesichtspunkte in der bevorstehenden Herzoperation. Ich lese[vi] andererseits, dass die untere kritische Grenze des zerebralen Perfusionsdrucks, bei der mit Hirnischämie und neurologischen Schäden gerechnet werden muss, nicht bekannt ist, und ähnliches. Offenbar stossen die sonst klar strukturierten Verfahren in der Anästhesiologie ausgerechnet beim Hirn an eine Grenze, wo grosse Erfahrung und zuweilen eine geradezu artistische Interpretation der zuständigen Ärzte erforderlich ist. Die indirekten Kriterien der Narkosetiefe wie Pupille, Schwitzen im Gesicht und Tränenfluss, Blutdruck, Puls, Muskelspannung stehen mit dem Zielorgan Gehirn bzw. mit der dynamischen Hirntätigkeit, die sich nur im EEG zeigen kann, in einem nur lockeren Zusammenhang. Dies trifft insbesondere zu bei tiefer Körpertemperatur von gegen +30 Grad in der Bypass-Phase, wo das Herz abgestellt ist und durch die Herz-Lungen-Maschine ersetzt und auf etwa +15 Grad gekühlt wird.

Neuerdings hat sich ein EEG-basiertes Hirnmonitoring durchgesetzt, womit man dem Patienten Schmerzempfindungen während der Narkose ersparen will. Intraoperative Schmerzempfindung ist zwar selten, können dann aber zu schweren psychischen Störungen führen. Auch kann man durch ein EEG-Monitoring während der Operation subtileren Hirnschädigungen zuvorkommen, die durch mangelhafte Durchblutung und Sauerstoffversorgung entstehen können. Zur Ausstattung vieler Operationssäle gehört seit kurzem der so genannte BIS-Monitor.[vii] Der Name kommt vom Bi-Spektrum, welches hier aus dem Stirn-EEG berechnet wird und relativ zuverlässige Schätzungen der zerebralen Narkosetiefe ermöglicht.

Das Bispektrum wurde am EEG ab 1970 weltweit erstmals in der Zürcher Uni-Kinderklinik von Guido Dumermuth berechnet, auf zimmerfüllenden Computern. Ich habe damals dort meine Diplomarbeit über «EEG-Analysatoren» gemacht, wofür mir 8 Kilobyte auf demselben DEC-Computer zur Verfügung standen. Heute hat man 100'000 Mal mehr in einem gewöhnlichen PC-Arbeitsspeicher(!) Später baute ich die ersten EEG-Analysatoren für das Neuromonitoring, die in Zürich und Bern eingesetzt und in Einbeck[viii] den deutschen Anästhesisten vorgetragen wurden. Leider war die Anästhesie in der damaligen Zeit noch nicht aufnahmebereit für eine derartige Technologie. Heute profitiere ich als Patient möglicherweise ganz entscheidend davon.
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[i] http://www.swissheart.ch/
[ii] Therapie zur Blutverdünnung, Thrombosen-Verhinderung
[iii] Der mechanische Fremdkörper neigt zur «Verschlammung» in Form zusammengeballter Blutkörperchen; solche «Thromben» können sich lösen und werden in die verästelten Gefässe von Lunge oder Hirn geschwemmt, wo sie die Blutversorgung von wichtigen Funktionen abstellen können.
[iv] http://www.neben-wirkungen.de/, dort Medikament > Marcumar;
hier können Sie selbst Ihre persönlichen Erfahrungen mit einem Medikament eintragen.
[v] www.medtronic.com/cardsurgery/products/mosaic_index.html
[vi] Reinhard Larsen: Anästhesie und Intensivmedizin in Herz-, Thorax und Gefäßchirurgie. Springer-Verlag, 6. Aufl. 2005, 443 Seiten
[vii] http://www.aspectmedical.com/
[viii] Sertürner, Apotheker in Einbeck bei Göttingen, isolierte 1806 erstmals das Schmerzbetäubungsmittel Morphium aus Opiumsaft, einer der wichtigsten Leistungen der Pharmazie.