Saturday, February 14, 2026

Das Gehirn als Empfänger des Geistes

Die Hardware des Geistes: Das Gehirn als Empfänger und Interface

Lange Zeit betrachtete die Wissenschaft das Gehirn als eine Art biologischen Computer, der Bewusstsein rein mechanisch aus der Materie erzeugt – wie Dampf aus einem Kochtopf. Auch bei Feynman wabert der Geist mit seiner Qualia sozusagen wie Dampf über der Hirnrinde. Doch eine neue, interdisziplinäre Synthese, getragen von Nobelpreisträgern und Pionieren der Technologie, zeichnet ein völlig erweitertes Bild: Das Gehirn ist nicht der Urheber des Geistes, sondern sein höchstentwickeltes Empfangsgerät.

Das dynamische Muster: Geist über Materie

Richard Feynman ahnte es bereits: Das Denken ist ein dynamisches Muster, das auf dem Nervengewebe „schwimmt“, ohne direkt darin verkörpert zu sein. Es verhält sich zum Gehirn wie die Musik zum Radio oder der Wirbelsturm zu den Luftmolekülen. Das Selbst (Musik, Wirbelsturm) bleibt bestehen und bewahrt seine Identität, während die materielle Basis (die Atome unseres Körpers, die Neuronen des Gehirns) sich ständig erneuern.

Die Quanten-Antennen im Inneren

Doch wie tritt ein immaterieller Geist mit der Materie in Kontakt? Hier liefern John Eccles und Roger Penrose die entscheidenden Puzzleteile. Eccles erkannte, dass der Geist nicht durch grobe Energie, sondern über die feine Steuerung von Quanten-Wahrscheinlichkeiten an den Synapsen wirkt. Er nannte diese geistigen Einheiten „Psychonen“. Penrose und sein Kollege Hameroff lokalisierten den Ort dieser Interaktion noch tiefer: in den Mikrotubuli – winzigen Strukturen innerhalb der Nervenzellen. Diese agieren als biologische Quantencomputer, die sensibel genug sind, um Impulse aus einem „geistigen Feld“ aufzugreifen und in elektrische Signale zu übersetzen.

Bild: Drei Dendronen (Gruppen von Pyramidenzellen im Cortex)
im Feld der drei zugehörigen Psychonen (punktiert) nach Eccles


Information, Liebe und die Einheit der Welt

Diese wissenschaftliche Perspektive findet ihre philosophische und theologische Krönung in den Arbeiten von Carl Friedrich von Weizsäcker und Federico Faggin. Wenn Materie letztlich aus „Ur-Information“ (Weizsäcker) besteht, dann ist das Universum im Kern kein toter Mechanismus, sondern ein lebendiges Feld von Bewusstsein.

Federico Faggin geht sogar so weit, dieses Feld mit dem Begriff der Liebe zu verknüpfen. In seinem Modell ist die Liebe die fundamentale Kraft, die bewusste Einheiten zur Verbindung und Erkenntnis drängt. Das Gehirn fungiert hierbei als Interface, das die unendlichen Qualia – das subjektive Erleben von Licht, Schönheit und Mitgefühl – in unsere dreidimensionale Welt übersetzt.

Eine neue Synthese: Der Mensch als Resonanzkörper

Zusammenfassend ergibt sich ein Bild des Menschen, das sowohl wissenschaftlich präzise als auch spirituell tiefgreifend ist:

Wir sind keine isolierten biochemischen Maschinen. Unser Gehirn ist eine hochkomplexe Membran, die im Rhythmus eines universellen Feldes schwingt. Das „Ich“ ist jenes dynamische Quantenmuster, das durch diese Membran hindurchtritt. Diese Synthese bestätigt die alte theologische Intuition: Dass der Geist das Primäre ist und die Materie dessen Ausdrucksform. (1. Korinther 6,19). Wir „denken“ nicht nur; wir empfangen und gestalten ein Stück der unendlichen Ur-Information, die das Universum im Innersten zusammenhält.

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John C. Eccles: Wie das Selbst sein Gehirn steuert. Springer, Heidelberg, 1994

Roger Penrose: Quantenberechnung in Hirnmikrotubuli? Das Penrose-Hameroff-„Orch-OR“-Modell des Bewusstseins. Philos Trans A Math Phys Eng Sci (1998) 356 (1743): 1869–1896

Stuart Hameroff: Microtubules: The Gateway To Consciousness. https://www.youtube.com/watch?v=0_bQwdJir1o

Federico Faggin: Jenseits de Unsichtbaren. Wo Wissenschaft und Spiritualität zusammentreffen. Mondatori Libri, Milano, 2024


Der verzauberte Webstuhl

Wussten Sie, dass Sie einen riesigen Teppich[1] im Kopf haben? Einer, der sein Erscheinungs­muster in jeder Sekunde vielfach wechselt? Damit ist die Hirnrinde (=Cortex) gemeint, die als dünnes Nerventuch mit äusserst eng verwobenen Fasern das Hirn gegen aussen abschliesst. Es ist vielfach gewunden und eingebuchtet, um in der Schädelkugel möglichst viel Fläche unterzubringen. Sie sehen oben zwei vertikale Schnitte aus dieser Fläche, die aus einigermassen senkrecht angeordneten Nervenzellen besteht. Nach der Geburt findet eine rasch dichter werdende Vernetzung statt, links sieht man die Verästelungen nach 6 Monaten, rechts nach 24 Monaten. Dies ist die «Rechenma­schine», womit sich das Kleinkind der Umwelt bemächtigt, und in welcher seine laufenden Empfindungen und Gefühle entstehen. Es gibt nur diese Hirnrinde, etwas anderes hat die Neuroforschung nicht entdeckt. An ihr muss es liegen, dass wir zu Menschen werden. – Skandalös! Wie soll das zugehen?
Was das Baby erwirbt, dazulernt, schlägt sich in einem rasch dichter werdenden Netz der Zellfortsätze nieder. Der Zweck dieser Nervenzellen ist es, Impulse auszutauschen; Dutzende, Hunderte Impulse pro Sekunde rasen durch jede Faser im Geflecht. Die Fasern kontaktieren sich vielfach: Fasern, die Impulse aufnehmen[2] werden berührt von vielen Fasern, die Impulse abgeben[3]. Im kindlichen Wachstum werden vor allem immer mehr Kontaktstellen[4] untereinander geschaffen. Dieses Wachstum wird durch eine stimulierende Umgebung gefördert. Kontakte, die wiederholt gebraucht werden, verstärken sich.[5] Ein waches Kind lernt fortwährend, es kann gar nicht anders.


Das reife Gehirn besitzt etwa 100 Milliarden Nervenzellen, welche durch 100 Billionen Synapsen eng miteinander verbunden sind. Davon liegt ein Zehntel im Cortex. Das heisst, dass jedes Neuron im Schnitt mit 1000 anderen Neuronen verbunden ist und somit im Prinzip jedes beliebige Neuron von jedem Startneuron aus in höchstens vier Schritten erreichbar ist.[6] Stellen Sie sich die Hirnrinde ausgebreitet vor, sie hätte dann etwa die Ausdehnung einer Serviette. Vergrößern Sie diese Serviette nun zu einem Teppich in der Ausdehnung eines Tennisplatzes. Die Maschen des Teppichs entsprechen dann cortikalen Funktionseinheiten, die wie Mannschaften zusammenarbeiten und sich gegen aussen verteidigen. Die Fasern in diesen Maschen – es hat Tausende in jeder Teppichmasche – entsprechen in dieser Auslegeordnung den Pyramidenzellen und ihren dichten, verfilzten Verästelungen.


Wie hat man sich Gedanken und Gefühle materiell vorzustellen? Der grosse Physiker Richard Feynman sah es so: Das Denken muss eine Art dynamisches Muster sein, nicht direkt verkörpert in einem Nervengewebe, eher darauf schwimmend, unabhängig davon. Der Clou also: Dieser Teppich ändert sein Muster gegen hundert Mal in der Sekunde. Der entspannte Bewusstseinszustand kann man sich wie Zufallsmuster vorstellen, wie ein TV-Schirm ohne Sender. Schiessen spezifische Sinnesimpulse hinein, schalten einzelne grössere Muster an und ab, unruhig wechselnd, aber kurzzeitig zusammenhängend. Auch entfernt liegende Musterungen können synchron, d.h. zusammenhängend entstehen und vergehen. Sie können sich das auch als Lichtermeer einer Millionenstadt vom Flugzeug aus vorstellen, die Lichter funkeln unzusammenhängend, schalten zufällig an und ab. Diese Stadt ist immer wach. In ihr gibt es auch weit verstreute Lichter eines Flugplatzes, die im Gegensatz zu allen andern Lichter synchron an und ab blinken. Das fällt sofort auf. Die im Takt spezifisch blinkenden Lichter sieht der Pilot ohne weiteres und kann dadurch den Landeplatz erkennen. Auf ähnliche Weise werden sich eine Beobachtung, ein Gedankensplitter, eine Gefühlstönung und eine Bewegungsabsicht auf der Hirnrinde als dynamisch-synchrone Muster der oben beschriebenen Teppichmaschen koordiniert abbilden.[7] Und die unablässige Folge solcher Lichter oder Formen mit einem kurzen zeitlichen Zusammenhalt entspricht dem bewussten Wahrnehmen. Eines Tages werden wir dies abbilden können, Ansätze dazu gibt es bereits.[8] Nach wie vor ist aber die subjektive Seite des Spiels wissenschaftlich nicht erklärt. Die jedem von uns am nächsten liegende Innenwelt, meine Empfindung von mir selbst und von der Umgebung, in der ich agiere, mein sich selbst bewusster Geist ist und bleibt ein Wunder. Wir geniessen diese Welt in der Literatur, in der Kunst und in der Musik. Seit 70 Jahren hat Sherringtons Webstuhl nichts von seinem Zauber eingebüsst !


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[1] C.S. Sherrington verglich 1940 das menschliche Gehirn mit einem Zauberwebstuhl, der in der Lage ist, eine sich schnell wandelnde Aussenwelt in einem Webmuster laufend abzubilden. Dieses dynamische Gewebe ist die Hirnrinde (Cortex). Sie schliesst als etwa 3mm dickes Nervengewebe das Gehirn gegen aussen ab. Nicht die Fasern an sich oder ihr Vernetzungsmuster ändern sich so schnell, aber die Farbgebung, so wie ein Film die Leinwand an jeder Stelle laufend umfärbt.
[2] Dendriten, auch Zellkörper; alle Fachwörter lassen sich bei Google oder Wikipedia im Internet bequem nachschlagen
[3] Axone
[4] Synapsen
[5] Hebb-Regel
[6] Soweit die Überschlagsrechnung – in der Realität gibt es eine Hierarchie der Verbindungen, bei welcher ein Bruchteil dieser Verbindungen den Ausschlag gibt: Online-Artikel http://biology.plosjournals.org/perlserv/?request=get-document&doi=10.1371/journal.pbio.0030068
[7] das Bindungsproblem kann damit erklärt werden
[8] Verfahren wie fMRI und insbesondere EEG/MEG und das optische NIRS werden den schnellen Musterveränderung am ehesten gerecht. fMRI kann bislang wesentlich unter 1s nicht auflösen, beim EEG/MEG werden 0.01s und schneller erreicht. Wenn das EEG während einer Hirnoperation am offenen Schädel direkt am Cortex mit Vielkanalelektroden abgeleitet wird, kommt man dem Ziel, den Zauberwebstuhl abzubilden, am nächsten. Siehe Lutz Jäncke:
Methoden der Bildgebung in der Psychologie und den kognitiven Neurowissenschaften, Kohlhammer, 2005, 235 S. m. 129 Abb. ISBN 3170184695

Monday, August 3, 2020

Einführung in das neue Psychofonie-Buch Höre den grossen Gesang in Dir



Im Sommer 2020 ist das neue Psychofonie-Buch erschienen. Es umfasst 200 Seiten und erklärt die Psychofonie-Methode und ihre Anwendungen grundlegend und leicht fasslich. Besonders eindrücklich sind die vielen Fallbeispiele aus unserer nun 25-jährigen Erfahrung mit Psychofonie. Sie zeigen authentisch, wie sehr Psychofonie den NutzerInnen helfen konnte, ihre Leiden zu überwinden und im Leben wieder Tritt zu fassen. Wer sich kurz und bündig orientieren möchte, dem sei hier mein Buchvernissage-Vortrag dazu empfohlen. In einer Stunde kannst Du erfahren, wie traditionsreich und tief verankert in unserer westlichen Kultur und Forschung diese wunderbare Heilmethode ist. 





Monday, August 22, 2016

Ur-Geräusch - unerhört !

Schon die alten Hochkulturen wussten: Du bist Musik! Uns Heutigen hat es der grosse Hörphilosoph Joachim-Ernst Berendt in vielen Büchern klar gemacht: Hören heilt. Auch die Neurowissenschaft ist jüngst darauf gekommen: Du hast Musik im Kopf. Es gibt nichts, das aus Dir herauskommt, wofür in Dir nicht ein Rhythmus eingestellt wird. Keine Bewegung, keine Äußerung, keine Emotion von Dir geschieht ohne einen spezifischen begleitenden Takt mitten in Deinem Gehirn.

Wir schreiben Dir groß, um zu betonen, dass es hier um etwas ganz Großes geht: um Dich.

Was ist denn so mächtig in Dir, dass Du es geflissentlich übersiehst? Es sind 100 000 000 000 Neurone in deinem Kopf, die untereinander billionenfach verschaltet sind. Diese unvorstellbare Zahl ist mit der Milchstrasse vergleichbar. In klaren Nächten auf den Bergen sehen wir einen kleinen Ausschnitt davon, einen Teil einer Speiche des gigantischen Wirbelrades, das unsere Galaxis ist. Selbst dieser Einblick ist überwältigend, denn Milliarden Sterne verschwimmen zu einem blass leuchtenden, unendlich fein gewobenen Band, in dem nur die näher gelegenen Sonnen einzeln erkennbar hervortreten.








Was ist denn so fern, dass Du es niemals ganz erkennst? Es ist das Universum, von dem Du nur ein winziges Staubkorn bist. Was ist denn so nah, dass Du es niemals umfassend erkennst? Es ist dein Gehirn, das ebenso komplex wie unsere Galaxis ist. Es liegt Dir so nah, dass du es niemals durchschaust, ja, dass Du dich dabei verlierst. Es ist Du selbst. Du bist Dein Gehirn.

Was wir davon erleben, ist der dünne, aber unablässige Strom unseres Bewusstseins, der die Abfolge der meist kleinen, manchmal grösseren, selten überwältigenden Wahrnehmungen, Erlebnisse, Sternstunden bildet. Im Schlaf setzt es sich zeitweise in Träumen fort. Wir können unser Bewusstsein passiv erleben sowie aktiv steuern, gestalten und beschreiben. Aber wir können niemals direkt erleben, was unsere Nächsten erfahren. Deine Nächsten erleben von Dir getrennt ihren eigenen Film. Wenn zwei oder drei beieinder sind, so sind zwei oder drei Parallelwelten beieinander. Die können sich zwar austauschen, in Mimik, Gestik, Sprache, aber es gibt immer die schmerzlich spürbaren Differenzen. Jedes erlebt es anders, was ihm sein je eigenes Gehirn zuspielt.

Sie können zusammen aber auch Musik machen. Und dabei kann etwas Einzigartiges geschehen: Sie geraten zuweilen in ein gemeinschaftliches Erlebnis, eine Art von Trance oder Flow. Es herrscht, so lange die Musik fortdauert, im besten Fall eine weitgehende Übereinstimmung der sonst getrennten Erlebniswelten, es herrscht eine harmonisch gefärbte, rhythmisch durchpulste, fast mit den Händen zu greifende Magie. Wir spüren, dass alle Sinne teilhaben wollen an dem Namenlosen, das hier geschieht. Weil der tonale und rhythmische Informationsaustausch Sekunde für Sekunde so intensiv ist, viel intensiver als durch Sprache oder irgendeine andere Weise der Kommunikation, verschmelzen die Bewusstseinshorizonte. Am besten lässt es sich im Jazz beobachten, wenn die Gruppe frei improvisiert. Hier ist das Bindende am stärksten.

Was würde geschehen, wenn Du die Musik in Deinem Kopf hören könntest? Wenn dir die Rhythmen und Tonfolgen, die alle deine Bewusstseinselemente steuern, hörbar ausgespielt würden? Rilke mag sich das gefragt haben, als er sein Essay “Ur-Geräusch” niederschrieb. 1919 im Palazzo Salis in Soglio brachte er es zu Papier: “In dem oft so eigentümlich wachen und auffordernden Lichte der Kerze war mir soeben die Kronennaht ganz auffallend sichtbar geworden, und schon wusste ich auch, woran sie mich erinnerte: an eine jener unvergessenen Spuren, wie sie einmal durch die Spitze einer Borste in eine kleine Wachsrolle eingeritzt worden waren!” Rilke betrachtete einen menschlichen Schädel, der zum Zweck anatomischer  Studien auf seinem Schreibtisch stand. Dessen Kronennaht (Kreuznaht, anatomisch die Naht welche die Scheitelbeine gegen vorn mit dem Stirnband verbindet) erinnerte ihn an die zittrige Spur in der Wachsschicht des ersten Phonographen, an dem er als Junge in der Physikstunde mitgebastelt hatte. Die dort erstmals gehörte Sonifikation seiner oszillographisch eingravierten Stimme war zweifellos eine prägende Erfahrung. Denn er fragte sich - ja es verfolgte ihn jahrelang - was geschehen würde, wenn die Nadel des Grammophons statt einer Tonaufnahme diese Schädelnaht abtasten würde.



“Was wird mir nun immer wieder innerlich vorgeschlagen? Es ist dieses: Die Kronen-Naht des Schädels hat … eine gewisse Ähnlichkeit mit der dicht gewundenen Linie, die der Stift eines Phonographen in den empfangenden rotierenden Zylinder des Apparats eingräbt. Wie nun, wenn man diesen Stift täuschte und ihn, wo er zurückzuleiten hat, über eine Spur lenkte, die nicht aus der graphischen Übersetzung eines Tones stammte, sondern ein an sich natürlich Bestehendes –, gut: sprechen wir es nur aus: eben die Kronennaht wäre –: Was würde geschehen? Ein Ton müsste entstehen, eine Ton-Folge, eine Musik … Gefühle –, welche? Ungläubigkeit, Scheu, Furcht, Ehrfurcht –: ja, welches nur von allen hier möglichen Gefühlen verhindert mich, einen Namen vorzuschlagen für das Ur-Geräusch, welches da zur Welt kommen sollte …
Dieses für einen Augenblick hingestellt: was für irgendwo vorkommende Linien möchte man da nicht unterschieben und auf die Probe stellen? Welche Kontur nicht gewissermaßen auf diese Weise zu Ende ziehen, um sie dann, verwandelt, in einem anderen Sinnes-Bereich herandringen zu fühlen?”

In genau dieser erwartungsvoll-neugierigen Gemütslage unterschieben wir nun, hundert Jahre später, nicht die Kronennaht des Totenschädels, sondern die lebendige “dicht gewundene Linie” des Elektroenzephalogramms dem “Stift des Phonographen”, der - wie könnte es anders sein - heute durch weit raffiniertere Instrumente und Algorithmen ersetzt ist, um als quasi musikalische Klangfolge die chaotisch-rhythmische Ur-Botschaft des lebendigen Gehirns hinüberzubringen in den auditorischen Sinnesbereich, also abzuhören, und sie so umgehend zurück zu koppeln in die Quellgebiete des Bewusstseins in ein und derselben Person, um zu erfahren, was dann geschieht. Diese Ur-Schleife hat es in sich. Rilke hätte sich dafür gewiss ungemein interessiert.

Wir möchten nichts verraten und nicht spekulieren, was dann geschieht. Das solltest Du schon selber probieren und erfahren dürfen. Auf jeden Fall hast Du so etwas Persönliches, so etwa Ur-Eigenes noch nie gehört. Komm zu uns, lass uns Dein “Ur-Geräusch”, dem Rilke keinen Namen zu geben wagte, mit den heutigen Mitteln herstellen und erfahre dessen Wirkung an Dir selbst.

Weiter unten im Text liess Rilke durchblicken, wie stark das wirken kann, wenn er eine Beraterin zitiert, die ausrief, “diese wunderbare, zugleich einsetzende Befähigung und Leistung der Sinne sei doch nichts anderes, als Geistesgegenwart und Gnade der Liebe.” Für Rilke, der sehr unter Widersprüchen und Einseitigkeiten litt, war dieser Versuch aus der Physikstunde das ultimative Experiment, der Schlüssel zur ersehnten Überwindung der Spaltung und Abkabselung, der in der Wiedereingliederung (Re-Integration) aller Sinne liegt. Geben wir ihm, dem Feinsinnigsten unter den Poeten, das letzte Wort: “Sieht man sich aber nun nach einem Mittel um, unter so seltsam abgetrennten Bereichen die schliesslich dringende Verbindung herzustellen, was könnte versprechender sein als jener, in den ersten Seiten dieser Erinnerung angeratene Versuch?”

Willst du dein Ur-Geräusch hören, ruf hier an:

Gratis Info Tel. Schweiz 044 715 54 27 oder bruno.fricker@spectralab.ch

Sunday, September 8, 2013

Interface



Buchbesprechung von Klaus Bartels:

„Tanzen statt surfen“ - ein neuer Sammelband des Kilchberger Internet-Physikers

Das Abc von Alpha bis Omega, von A bis Z, der Buchdruck und nun das World Wide Web: das sind ingeniöse, folgenreiche Revolutionen unserer Kommunikation, und wir sind staunende Zeitzeugen der jüngsten. Der Internet-Physiker Bruno Fricker hat sie von Anfang an mit wachem Blick und kritischem Urteil beobachtet und wie früher im „Gemeindeblatt“, so jetzt im „Kilchberger“ stetig begleitet, und soeben ist eine neue, vierte Sammlung seiner Kolumnen erschienen. „Tanzen statt surfen“ hat er sie betitelt; er meint: Man müsse sich auch im Internet als ein guter Tänzer bewähren, auch im Internet zu „führen“ verstehen.

Ja, „verstehen“, aber dazu braucht es einigen Einblick. „Benutzeroberfläche“: Das ist das so nüchtern wie treffend benannte Gesicht oder vielmehr die Maske, die diese digitale Computer- und Internetwelt uns allenthalben zeigt; der gewöhnliche „User“ schaut da obendrauf, aber nicht hinein, geschweige denn hindurch. Gut, dass der Kenner Bruno Fricker hier unter der Rubrik „Computerwelten“ allmonatlich etwas aus der Schule, aus der Werkstatt seines „SPECTRALAB“ plaudert: Da öffnet er mit seiner schmalen Spalte einen kleinen Spalt im Vorhang; da lädt er seine Leser von Mal zu Mal zu einem neuen Blick hinter die Kulissen ein.

Die Sammlung von 51 Beiträgen aus den letzten Jahren präsentiert ein weites Spectrum von hilfreichen Handreichungen des Praktikers bis zu engagierter Gesellschafts- und Internetkritik. Wo da anfangen zu lesen? Die Nr. 1 „Vom Dreibein zum Smartphone“ blickt zurück in die – kurze – Geschichte, der „Hochfrequenzhandel“ glossiert ironisch den zehntelsekundenschnellen, billionendollarschweren Börsenhandel, und Beiträge wie „Watt ihr Volt“ oder „Kreiss-Chat“ reizen die Neugier. Wer unter „Quo vadis Microsoft“ nachliest, darf sich freuen, dass wenigstens die im Format Alphabeta geschriebenen Dateien seit fast drei Jahrtausenden lesbar geblieben sind ... Zwischendurch ist unter dem Titel „PC-Physiker“ ein kleines Selbstporträt des unermüdlichen Helfers in der Not hineingeheimnist, und mit der Wahl des klassischen Schrifttyps „Garamond“ erweist der Autor sich nebenbei als feiner Typograph.

Wer in dem Band von einem zum anderen surft (ja, das geht auch in Büchern!), mag sich staunend – und schaudernd – vergegenwärtigen, auf welche unglaublichen, unheimlichen Zauberkünste wir uns mit dieser jüngsten buchstäblich „umwälzenden“ Revolution eingelassen haben. O Prismata, o Tempora! Bruno Fricker begrüsst die unerhörten Zukunftschancen, die das junge Internet uns bietet. Hoffen wir mit ihm und für die Enkelschar, der er sein Buch gewidmet hat, dass wir uns in diesem weltweiten Netz nicht verstricken, sondern in diesem wirbelnden Tanz mit den rasenden Nullen und Einsen die Führung behalten – oder sagen wir: bekommen!

Klaus Bartels
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Bruno Fricker, Tanzen statt surfen. Kolumnen aus dem Internet, Books on Demand, Norderstedt (D) 2013, 119 Seiten, zu beziehen über jede Buchhandlung
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Klaus Bartels hat in seiner Buchbesprechung (siehe oben) das Interface ins Zentrum gerückt, die Benutzeroberfläche dieser Computer, auf die der Mensch (zit.) obendrauf schaut, aber nicht hinein, geschweige denn hindurch. Ich habe in der letzten Kolumne das Ego-Pad skizziert, das möglicherweise eines nicht allzu fernen Tages bewusst wird und sich damit selbst adaptiert und optimiert, was nichts anderes bedeutet, als dass es, auf Grund seines aktuellen Zustandsbilds der Umwelt, auf seinem inneren Interface die Regler und Schaltflächen autonom bedienen wird. Nun geistert ein dritter Text von Thomas Metzinger in diese Runde, worin der Bewusstseins-Philosoph konstatiert, dass unser Selbstmodell transparent ist. Wir sehen als selbstbewusste Wesen ein Abbild der Welt, in der wir uns als Subjekte bewegen, in der wir beobachten und handeln. Aber wir sehen (normalerweise) jenes Interface nicht, das uns diese Erkenntnisse herbeischafft und zielführenden Aktionen ermöglicht. Wir sehen nicht das Fensterglas, sondern den Vogel, der vorbeifliegt. Ein Pianist, der im Wechselspiel mit einem grossen Orchester ein Klavierkonzert meistert, kann dies mit geschlossenen Augen tun, obgleich seine Finger die 88 Tasten kunstvoll bearbeiten. Wir beobachten und manipulieren das Abbild der Welt, wie es uns erscheint, aber wir bemerken die innere Benutzeroberfläche nicht, auf der wir spielen. Folglich ist es entscheidend, wie ein Maschinen-Interface gestaltet ist, dass es ich nicht wie ein Hindernis zwischen dem Anwender und der Anwendung steht. Wir möchten, dass sich das Interface wie eine dritte Hand bedienen lässt, dass es sich unbewusst in das Körperschema einfügt. Wir möchten, dass die Computer für uns arbeiten und wir Prozesse steuern weit jenseits der Benutzeroberfläche, die wir doch eher ins Pfefferland wünschen. Deshalb war Steven Jobs ein Genie, weil er das ungeheuer leistungsfähige Helferlein (iPhone) mit menschenfreundlichen Gesten bedienbar machte, und darum glaubt Ballmers Microsoft die Kacheloberfläche so hartnäckig verteidigen zu müssen, obgleich wir lieber mit Tastatur und 2Knopf-Maus bis an unser Lebensende weiterfahren möchten. Der Wettbewerb um die beste Benutzeroberfläche ist entbrannt, weil wir sie nicht mehr wahrnehmen möchten. Der Mensch denkt und der Computer lenkt, und die beste Verbindung schafft ein unsichtbares Interface.
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Klaus Bartels auf Wikipedia (Link)
Thomas Metzinger auf Scholarpedia (Link)





Saturday, August 17, 2013

Ego-Pad


Quelle: Mickey Mouse

 
Die künstliche Intelligenz durch globale Vernetzung und lokale Rechenkapazität, die mir in meiner Hand zur Verfügung steht, hat eine beispiellose Entwicklungsstufe erreicht. Samsung beispielweise stellt den Life companion her, was man als lebendigen Begleiter, Ratgeber, Gehilfe verstehen muss. Das smarte Pad heisst Galaxy S4 in Anlehnung an den Kosmos. Tatsächlich haben seine Bestückung mit Milliarden Transistoren und sein Rückhalt im allwissenden Internet kosmische Dimensionen erreicht. Es überwacht unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden. Es reagiert auf Blickkontakt und Gesten berührungslos. Dank seiner raffinierten Sensorik weiss es weit mehr über uns und unsere Umgebung, als wir selbst. Und dies ist nur der Anfang einer emergenten Entwicklung, die so rasant ist, dass jetzt wieder ein neues Zeitalter anbricht. Das treue, hilfsbereite und intelligente Helferlein von Daniel Düsentrieb, das mit seinem Glühbirnenkopf meine Fantasie als Kind beflügelte, ist im heutigen Smartphone Tatsache geworden! Allen Ernstes werden unsere Kinder beantworten, ob und wann es möglich sein wird, dass ihre Pads Gefühle haben, ob sie Freude empfinden können und Beschwerden, ob sie sich selber reparieren können, wie es auch das Helferlein konnte, ob sie uns gar zu lebendigen Partnern werden. Es stellt sich immer deutlicher die Frage, ob Bewusstsein technisch machbar ist.[1]

Experten auf diesem Gebiet konstatieren, dass es den Geist in der Flasche nicht nur im Märchen, sondern, sehr bald, auch in der Maschine geben wird. Und das müssen wir uns so vorstellen: Smartphones erfassen die Zeit und den Geostandort, besitzen die Karte ihres Umfelds samt darin enthaltener wirtschaftlicher und kultureller Tätigkeit, Verkehrsfluss und Nachbarschaftsbeziehungen zu andern Smartphones (bzw. deren Träger). Es fotografiert, Gesichter, und erkennt mittels Face-Tagging sogleich mit wem es zu tun hat. Es weiss, wie es selbst im Raum gerichtet und bewegt wird, wie nah sein Besitzer ist, ob er sich mit dem Gerät beschäftigt, oder ob er es gerade nicht beachtet. Es erkennt immer mehr von dessen Körperfunktionen (es gibt Apps zur Schlafverbesserung und zur Trainingsoptimierung). Es greift jederzeit auf das Internet zu und kann Barcodes, Gegenstände, Geräusche, Melodien und Sprache erkennen. Es kann seine Befunde mit vielen andern vergleichen. Kurz es verfügt über ein Modell der Welt. Es kann Schlüsse ziehen, intelligente Entscheidungen fällen und sich in der Welt bewegen. Dieses Bild wird noch komplexer, es berücksichtigt die Vergangenheit und antizipiert die Zukunft (Wetter App, News), es wird immer konsequenter versuchen, seine Maschinerie selber zu optimieren. Beim Menschen ist das die Homöostase des Vegetativums. Bei der Maschine entsteht eine symbolische Ebene der Selbstregulierung, die sich auch evolutionär selbst organisiert im Rahmen wachsender Rechenkapazität. Die Umwelt wird 1:1 in eine entsprechende Innenwelt abgebildet. Lässt das Abbild nichts mehr zu wünschen übrig – ja es gibt bald Autos, die ihren Weg im Verkehr selber finden und besser fahren werden als ihre Käufer, und es gibt (leider) zuhauf die ethisch entfesselten maschinellen Börsenspekulanten, die unsere Finanzindustrie an den Abgrund treiben – und erreicht es eine Komplexität nach menschlichem Mass, wir auch für das Gerät seine eigene Maschinerie durchsichtig. Es wird zum Träger einer Welt, seiner Welt, die alles andere als autistisch ist, denn es war ja einst und immer noch ein Telefon! Wie einst das Helferlein wird es dann zum lebendigen Wesen und Gegenüber. Nichts kann uns daran hindern, zu vermuten, dass auch es ein Bewusstsein besitzt. Für den jugendliche Menschen, der schon heute das Handy nicht mehr aus der Hand gibt und immerdar vor der Nase herumträgt, wird das künstliche Ego-Phone zum massgeblichen Kameraden und unverzichtbaren Coach, der seine Stimme versteht, simultan hin und her übersetzt und auf Fragen selbst antwortet.

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[1] Thomas Metzinger: Der EGO-Tunnel. Eine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik. Berliner Taschebuch Verlag, 2010, 378 S.